Rund um die Ostsee – acht Länder in dreizehn Tagen

Tagebuch einer tollen Reise

Weil man es bekanntlicherweise niemals allen recht machen kann, will ich dem Bericht ein paar erklärende Worte vorausschicken.

Einerseits entschuldige ich mich bei denjenigen, die hier eine Kurzbeschreibung erwartet haben, weil aus dem Tagebuch tatsächlich ein kleines “Buch” geworden ist.

Andererseits freuen wir uns auf die Fragen derjenigen, die an weiteren Details interessiert sind, weil wir von der Tour mehr erzählen können, als der nachfolgende Text beinhaltet.

Deutschland

Vor dem hartnäckigen Tief „Florian“ sind wir zum letztmöglichen Termin in die Sonne geflogen. Um es vorwegzunehmen: das gute Wetter begleitete uns die gesamte Tour (von zwei Regenstunden in Danzig abgesehen).

Von den Heimatflugplätzen Hamm (EDLH), Marl (EDLM) und Magdeburg (EDBM) flogen wir den ersten Abschnitt einzeln zum Treffpunkt nach Wismar (EDCW).

Wismar (EDCW) ist nahe am Wasser gelegen, gut zu finden, gut anzufliegen und hat eine sehr gepflegte 640 m lange Graspiste. Auch bei unserer Ankunft war der Flugleiter auf dem Traktor, um den Platz in Schuss zu halten. Nun „musste“ er seine Arbeit unterbrechen und uns betreuen, was er sehr herzlich und spürbar gerne gemacht hatte.

Von nun an flogen wir gemeinsam und in Formation. Wir, das sind Lutz (D-MANY), Jan (D-MSWS) und Rainer und Werner (D-MKCT).

Dänemark

Das erste Auslandsziel war der Flugplatz Roskilde (EKRK) in Dänemark. Für den Weg dorthin legten wir unsere Schwimmwesten an, schließlich führte der Weg ein gutes Stück (rund 50 km) übers offene Meer.
Nach einer wahren STOL-Landung bei etwa 40 km/h Gegenwind ging es zum Auftanken. Rainer stellte dabei fest, dass Herr Rotax etwas Motoröl benötigt. Also auf zum Handling Agent der Fuelstation und zum ersten Missverständnis auf unserer Reise. Jan´s Nachfrage im besten “Denglish” nach Öl wurde mit einem etwas komischen Seitenblick negativ beschieden. Kurz nach Verlassen der Tankstelle kommt uns lachend ein weiterer Mitarbeiter nachgerannt und fragt, ob wir “Engine-Oil” meinen. Wir mussten lernen, das Öl im Nordischen schlichtweg Bier heißt ! (siehe Foto Bierdose)

Auf dem Platz war allerhand los. Die Vorbereitungen für eine Flugshow liefen auf Hochtouren und so bekamen wir einen ziemlich abgelegenen Abstellplatz zugewiesen. Dort angekommen, erlebten wir den ersten Rückschlag auf der Tour. Jan hatte Riesenpech: er verletzte sich an der Hand, als einer seiner Erdanker beim Eindrehen abgebrochen ist. Nach einer dürftigen Erstversorgung am Unfallort suchten wir einen Flugplatz-Arzt. Unterstützt wurden wir von Soldaten der Bundeswehr, die mit Eurofightern an der Flugshow teilnahmen.
Ein Arzt oder eine Sanitätsstation war im Flughafengebäude genauso wenig zu finden wie bei der Flughafen-Feuerwehr. Also ab ins nächste Krankenhaus. Dort erwartete uns zunächst die wohl überall übliche Aufnahme-Bürokratie, aber auch eine schnelle ambulante Behandlung. Nach der Operation eine weitere Überraschung. Als Jan keine Gesundheitskarte vorlegen konnte, entschied die freundliche Dame an der Rezeption spontan, dass die Operation kostenfrei war und verabschiedete uns mit guten Wünschen für die weitere Reise.

Ein Taxi (Kosten rund 20 Euro) brachte uns zu unserer wahrhaft königlichen Unterkunft. Die Zimmer waren nicht nur nach König Arthur und Prinzessin Quincey benannt, sie waren tatsächlich sehr geräumig und zu einer Ferienwohnung verbunden. Helge war ein guter Gastgeber, stand uns mit Rat und Tat zur Seite – und brachte uns sogar am nächsten Tag zum Flugplatz zurück.

Roskilde ist etwa 20 Minuten Zugfahrt von Kopenhagen entfernt. Empfehlenswert ist eine 24-Stundenkarte, mit der man für rund 17 Euro alle Busse und Bahnen nutzen kann.

Ein Aufenthalt in der dänischen Hauptstadt ist nicht nur „Pflichtprogramm“ – er lohnt sich auf jeden Fall. Außer der Meerjungfrau, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen der Stadt gibt es Sehenswertes an jeder Ecke. Das Staunen begann im sehr schönen Hauptbahnhof und endete in einer belebten Hafenstraße, in der Kneipe an Kneipe steht und gutes, dänisches Essen, z.B. Hering in allerlei Variationen angeboten wird. Überraschend für uns war, dass die Küchen dort schon gegen 21 Uhr schließen.
Und für Werner, unseren “Eis-Esser”, war das eigentümliche „Rabatt-System“ der Eisdielen wie gemacht. Man muss wirklich viel Eis essen, um überhaupt in eine erschwingliche Preiszone zu kommen: kostete eine einzelne Kugel immerhin rund vier Euro, kosteten fünf Kugeln neun Euro (also pro Kugel „nur“ noch 1,80 Euro).

Schweden

Am zweiten Tag ging es nach Südschweden über eine schier unglaubliche Seen-Landschaft. Wir hatten das Gefühl, dass wir von rund 96.000 schwedischen Seen fast alle gesehen haben. Gezählt haben wir die überflogenen Seen nicht, dafür waren die Bedingungen während der circa zweieinhalb Flugstunden durch den starken und böigen Gegenwind zu schwierig.

Ziel war der kleine Flugplatz Borglanda (ESMB) auf der Insel Öland, der nur rund einen Kilometer entfernt von der königlichen Sommerresidenz liegt. Der schwedische Fluginformationsdienst machte sich durchaus Sorgen um den Thron. Wir wurden beim Anflug nicht nur einmal gebeten, das Sperrgebiet rund um das Schloss zu meiden.

Der Platz und das angrenzende Sperrgebiet sind gut zu erkennen, die Landung auf der 640 m langen hindernisfreien Graspiste unproblematisch. In Borglanda haben wir das landestypische Abrechnungsverfahren kennengelernt, das ausschließlich auf Vertrauen beruht. Am Platz war zwar niemand anwesend, die Verfahren aber gut beschrieben. Die Landegebühr und eventuelle Leihgebühr für Fahrräder sollten einfach in einen Briefkasten geworfen werden.

Mit den Leihrädern ging es in die nahegelegene Stadt. Die Zimmersuche gestaltete sich sehr schwierig, am Ende wurden wir in einer Art „Jugendherberge“ fündig. Etagenbetten zum Selbstbeziehen und Duschen übern Flur waren hinnehmbar und der Preis um die 45 Euro mit Frühstück pro Person gerade noch akzeptabel.

Nach dem Zimmerbeziehen fuhren wir auf harten Sätteln zurück zum Flugplatz. Dort wartete schon ein Clubmitglied an der Tankstelle, so dass wir die Tanks für die nächste Etappe füllen konnten. Lutz und Jan erkundeten mit dem Fahrrad noch die Ruine des alten Königsschlosses, diese hatten wir aus der Luft für den eigentlichen Thronsitz gehalten. Unser persönlicher Tankwart brachte uns in die Stadt, wo wir den Abend bei guten Essen ausklingen ließen. Etwas überrascht waren wir an diesem und allen folgenden Plätzen, dass auf den Speisekarten rund um die Ostsee relativ wenig Fisch steht.
Was das bei den Temperaturen fast obligatorische Eis angeht, gibt es auch in Schweden ein Rabatt-System, das zum Viel-Essen verführt. Alle Sorten haben wir dennoch nicht gegessen, z.B. war uns gesalzenes Lakritz-Eis nach dem Probieren dann doch zu exotisch.

Auch diesmal konnten wir uns die Taxifahrt zum Abflug sparen, wir wurden von freundlichen deutschen Urlauberinnen mitgenommen.

Der nächste Streckenabschnitt war einfach phantastisch. Waren es am Vortag unzählige überflogene Seen, waren es jetzt Tausende von Schäreninseln; in allen erdenklichen Formen und Größen, mal bewohnt, mal unbewohnt. Und gefühlt muss jeder Schwede mindestens zwei Boote haben.

Kurz vor der Landung wurde der schwedische Fluginformationsdienst wieder ein wenig hektisch. Denn auch der nächste Flugplatz – Skå-Edeby (ESSE) – lag sehr nahe am Wohnsitz der Königsfamilie, der natürlich wieder mit einem standesgemäßen Sperrgebiet umgeben war.

Der Platz mit gekreuzten langen Grasbahnen (650 m und 800 m) war gut anzufliegen und super gepflegt. Betreut wurden wir von Jarl, der dort für alles zuständig ist und sein Wissen gerne weiter gibt. Auch hier blieben die Clubheimtüren, inklusive Computer mit Internetanschluss, für alle offen. Der Platz ist für Stockholm-Besuche wirklich empfehlenswert, er ist preiswert und doch relativ stadtnah.

Auf dem Weg zum rund 20 km entfernten Stadtzentrum von Stockholm erfuhren wir von einem sehr, sehr informativen Taxi-Fahrer allerlei über die Stadt, die Schweden und den schwedischen Humor.

In Stockholm begann auch die kleine „Upgrade“-Geschichte beim Buchen der Unterkunft übers Internet. Jan hatte Zimmer auf einem Segelschiff in Sichtweite des Königsschlosses gebucht, und wir freuten uns sehr auf die Location. Kurz vor dem Eintreffen mussten wir aber telefonisch erfahren, dass die letzten verfügbaren Zimmer wegen eines technischen Problems trotz vorheriger Bestätigung anderweitig vergeben waren. Zum Ausgleich bekamen wir Zimmer in einem Haus direkt daneben, etwas Preisnachlass und nach kurzer Diskussion als zusätzliche Kompensation, für skandinavische Verhältnisse fast unvorstellbar, eine Runde Bier.

Die Stadt und die meisten Sehenswürdigkeiten haben wir zunächst bei einer Hafenrundfahrt, später beim Bummel durch die Altstadt erkundet. Zum Abschluss eines gleichermaßen spannenden wie schönen Tages kam zum Abendessen „Elch“ auf den Teller.

Finnland

Am nächsten Tag wartete mit Helsinki die nächste Hauptstadt auf uns. Der Flug führte zunächst wieder über den Stockholmer Schärengarten (insgesamt rund 30.000 Inseln), weiter über die rund 60 km entfernte finnische Insel Mariehamn zur nächsten Landung auf der Insel Kumlinge (EFKG). Den Durchflug durch die Kontrollzone um Mariehamn haben wir von einem „sparsam“ funkenden Controller problemlos genehmigt bekommen, dessen Anmerkung („schön, dass Sie mir zuhören“) beim Ausflug aber ein wenig ärgerlich klang, weil wir nicht sofort auf seinen Anruf reagiert hatten.

Kumlinge (EFKG) nennt sich selbst “die Wildnis im Meer” – und das ist auch vollkommen zutreffend. Der Flugplatz mit einer außergewöhnlich schönen, roten Asphaltpiste ist sehr malerisch, direkt am Ufer gelegen, mit einem Bootshaus an der Schwelle. Auch hier fanden wir niemanden am Platz, aber wieder ein offen stehendes und sehr gepflegtes Clubheim.

Nach einer kleinen Rast hieß es einmal mehr Schwimmwesten anlegen und weiter zum finnischen Festland fliegen. Dabei war ein weiterer Halt in Genböle (EFGE) geplant.

Genböle ist mit seiner 330 m kurzen, abfallenden Piste ein relativ kurzer Platz, der mit Hindernissen im Anflug durchaus schwierig ist. Im Endteil geht es zwischen Bäumen und einer Scheune durch – so war es kein Wunder, dass die Landungen erst nach dem zweiten Versuch klappten.

Beim Routine-Check vor dem Weiterflug der Schock: an Jans Maschine war ein Krümmer-Bolzen der Abgasanlage gebrochen. Wie auf den angeflogenen, kleinen Plätzen üblich, waren wir zunächst alleine auf dem Feld. Der angerufene Präsident des örtlichen UL-Clubs wollte uns einen Helfer schicken, auf den wir vergeblich warteten. Stattdessen kam Julius zufällig vorbei. Julius ist an diesem Platz für alles Technische zuständig, also der richtige Mann am richtigen Platz.
Julius kümmerte sich rührend um uns, wir werden ihn aber vor allem wegen seiner markanten Aussprache mit einem extrem rollenden „R“ wohl noch lange in Erinnerung haben. Julius übernahm für uns Anrufe bei Gott und der Welt, bei anderen Plätzen, mit Werkstätten, mit der finnischen Rotax-Vertretung und wer weiß mit wem noch. Zwischendurch fuhr er uns zum nahegelegenen Supermarkt, um Verpflegung zu kaufen.

Trotz der gut sortierten Werkstatt vor Ort war eine richtige Reparatur nicht möglich, aber immerhin kam eine notdürftige Lösung zustande, mit der das Auspuffrohr fixiert werden konnte. Mit gemischten Gefühlen – besonders natürlich bei Jan – flogen wir das letzte Stück (immerhin rund eine Stunde Flug) weiter bis Helsinki-Malmi (EFHF).

Mit einem neuen Flugplan ausgestattet, sollte das problemlos zu bewältigen sein. Unterwegs bekamen wir dann von Tampere-Control die Information, dass der Tower am Ziel bei unserer Ankunft geschlossen sein wird, wir aber trotzdem landen dürften.

Der Flug war den Abendstunden entsprechend ruhig und fand wegen der behelfsmäßigen Reparatur überwiegend im „Schleichflug“ statt. Den Anflug, der uns mitten über die Hauptstadt führte, flogen wir in rund 1100 Fuß. Kaum gelandet, kam der Präsident des lokalen UL-Clubs mit seinem Handy auf uns zu und erklärte uns, dass Tampere-Control unseren Rückruf erwartet.

Der Verdacht, dass wir mit unseren 1100 Fuß zu tief geflogen wären, zerschlug sich schnell. Wir waren viel zu hoch. Wir hätten direkt über der Hauptstadt nicht höher als 700 Fuß fliegen dürfen, für deutsche Verhältnisse eigentlich unvorstellbar.
Die Aussage, dass der Tower bei unserer Ankunft geschlossen sei, war zwar richtig, wir haben aber im Endanflug erkennen müssen, dass der Platz dennoch aktiv war und der Funk durch den UL-Club betrieben wurde. Für uns Deutsche gewöhnungsbedürftig, “Tower zu” heißt eben nicht gleich “Flugplatz zu”.

Gleich nach der Landung wurde Jans Schaden aus allen möglichen Blickwinkeln fotografiert und die Bilder an einen ausgewiesenen Rotax-Fachmann weitergeleitet.

Unsere Begrüßung konnte nicht herzlicher sein. Vor dem Clubheim, das wir in der Folgezeit nach Belieben nutzen konnten, hatten sich einige Clubmitglieder zu einem geselligen Abend getroffen und uns zum Mitmachen eingeladen. Eindeutiger Höhepunkt waren dabei die frisch zubereiteten Crêpes.

Ob beim Waschen der Flieger, beim Zugang zum Internet oder bei der Abrechnung von Lande- oder Stellgebühren wurden wir durch den UL-Club in herausragender Art und Weise betreut. Bleibt einmal mehr zu hoffen, dass Gäste an unseren Plätzen die gleiche Unterstützung erfahren.

Am Ende eines aufregenden Tages kamen wir mit dem Taxi (für rund 40 Euro) zum gebuchten Hotel.

Dort erwartete uns ein Déjà-vu: die gebuchte und bestätigte Unterkunft war nicht verfügbar, angeblich wegen eines Buchungsfehlers für 2016 gebucht. Das “Upgrade” – zwar mit Ausziehsofa ausgestattet – war aber auch nicht schlecht und lag mitten in der Innenstadt. Nach der teuren Taxierfahrung haben wir in der Folge den Bus benutzt (2,50 Euro pro Mann).

Am nächsten Morgen, zurück im Flieger-Clubheim, erfuhren wir, dass der Flugplatz von der Auflösung bedroht ist. Immobilienhaie wollen das mitten in der Stadt liegende Gelände gewinnbringender nutzen, mit dem Schicksal von Berlin-Tempelhof vergleichbar. Den Tag verbrachten wir mit der Auspuffreparatur und der Wartung und Pflege aller Maschinen.

Die nächste Übernachtung buchten wir wieder online – und erfuhren schon bald die Fortsetzung unserer kleinen „Upgrade“-Geschichte. Der Zugang zum Hotel war nur mit einem Zahlencode möglich, der von einer Dame via Lautsprecher an der Tür – für das ganze Viertel hörbar – angesagt wurde.

Wie bei einer Schnitzeljagd bekamen wir die nächste Information nicht an einer Rezeption, sondern über ein Telefon im nächsten Raum. Dort wurde uns gesagt, dass wir ein Zimmer mit Sauna gebucht hätten und dieses nicht mehr verfügbar wäre. Aber alternativ gäbe es ein “Upgrade” Zimmer. Um das Zimmer beziehen zu können, mussten wir uns in einem Nebengebäude Bettwäsche und Handtücher in einem Wäschekeller selbst zusammen suchen. Auch dort war kein Personal anzutreffen.
Danach bekamen wir – wieder über Telefon – die Information, dass unser Zimmer in einem Stockwerk liegt, das mit dem Aufzug leider nicht zu erreichen sei. Bei diesem „Upgrade“ ahnten wir Böses und dann kam die Überraschung: es war eine rund 120 qm-große Luxus-Penthouse-Suite mit einer Dachterrasse und der eingangs erwähnten (nicht gebuchten) Sauna, die wir nach dem Stadtbummel ausgiebig bis weit nach Mitternacht genutzt haben. Zu einer Finnland-Reise gehört schließlich ein Saunabesuch.
Das Frühstück nahmen wir in einer kleinen, aber wirklich urigen Cafeteria ein, wo uns ein weitgereister, sprachgewandter und sehr unterhaltsamer Italiener bestens versorgte.
Leider fiel unser Sightseeing in Helsinki, bedingt durch die Reparatur, etwas kürzer aus.

Estland

Der nächste Flug führte uns ins nächste Land. Ziel war Tallinn-Lennart-Meri (EETN). Am Hauptstadtflugplatz wurden wir von einem Follow-Me zu den Abstellplätzen geleitet und mit einem VW-Bus abgeholt. Maarja, unsere nette, sehenswerte GA-Handlings-Agentin unterstützte uns beim üblichen Papierkrieg bei der Ankunft und später auch vor dem Abflug. Zu unserer Überraschung musste auch sie ohne Schuhe durch die Sicherheits-Schleuse.

In Tallinn besichtigten wir die gegenüber dem Parlamentsgebäude imposant auf einem Hügel stehende Basilika und die Altstadt. Gutes landestypisches Mittagessen nahmen wir in einem der zahlreichen Restaurants unter freiem Himmel ein und wunderten uns nicht wenig über die Kellner in Lederhosen auf der anderen Straßenseite.

In Tallinn hat uns dann ein Taxifahrer die freie Marktwirtschaft zusammengefasst so erklärt: Verschiedene Firmen machen verschiedene Preise. Mit dem ersten Taxi kamen wir zu einem Festpreis von sieben Euro vom Flugplatz zum Zentrum. Der gleiche Weg zurück kostete 21 Euro.

Von Tallinn ging es mal wieder übers Wasser auf die Insel Hiiumaa zum Flugplatz Kärdla (EEKA), ein internationaler Flughafen mit 1520 m Asphaltbahn. Jana, die Flugleiterin, schloss nach unserer Landung den Platz und brachte uns zum Hotel.
Zu unserer Überraschung wurden wir vom Wirt in deutsch begrüßt. Das Haus war wirklich schön, aber nur eine, statt zwei Nächte verfügbar. Unsere kleine “Upgrade”-Geschichte ging also weiter. Für die zweite Nacht bekamen wir ein komplettes, neues Haus mit mehreren Schlafzimmern, Balkon, einer großen Terrasse mit Grill für 20 Euro pro Person und einer holzbeheizten Sauna (gegen Aufpreis). Einziger kleiner Schönheitsfehler: die Treppe zu den Schlafzimmern war sehr steil; Rainer kann ein Lied davon singen.
Der Tag wurde ein echter Ruhetag für uns – erst tagsüber Baden in der Ostsee und Ausspannen am Strand, warme Schoko-Muffins mit Heidelbeeren und abends dann Grillen auf der Terrasse – natürlich mit Öl (wir erinnern uns: Bier).

Am nächsten Tag flogen wir weiter nach Lettland. Unser Weg führte zunächst an der Nordküste der Insel entlang zu zwei sehenswerten Leuchttürmen, dann südwärts über die große Insel Saaremaa weiter rund 60 km übers Meer zum Zwischenstopp auf der Insel Ruhnu (EERU).

Auf der kleinen Insel waren nur wenige Häuser, eine Kirche und ein Flugplatz. Die rund 600 m lange Grasbahn war mit Locheisenplatten verstärkt und ufernah angelegt. Auf unsere Positionsmeldungen bekamen wir keine Antwort und dachten schon, dass wir wieder einmal niemanden antreffen würden. Nach der Landung haben wir dann am Flugleiterplatz eine ältere Dame gefunden, die lediglich keine Fremdsprache verstand. Mit einigem Stolz zeigte sie uns ihr Funkgerät und auch die weiteren Geräte, mit denen sie die Rechnungen für die Landegebühr ausgedruckt hatte.

Lettland

Nach weiteren 90 km übers Meer erreichten wir Riga-Spilve (EVRS), den früheren lettischen Hauptstadtflugplatz mit einer 1650 m langen Asphalt-Bahn und einem komplizierten Anflugverfahren. Bei der Annäherung wurden wir noch von Riga-FIS geführt und auf einer Flughöhe von 1200 Fuß gehalten, waren darauf vorbereitet, einer Transitroute entlang der Küste auf 500 Fuß zu folgen. Riga-Control hat uns dann in 1000 Fuß zu einem von zwei Pflichtmeldepunkten für Riga-Spilve geführt und uns dort auf die Flugplatz-Frequenz geschickt. Dort bekamen wir bis zum Endteil keinerlei Funkkontakt und stellten uns wieder einmal auf eine Landung mit Blindmeldungen ein. Kurz vor der Landung auf der eins-vier kam dann die kurze, aber eindeutige Anweisung “Runway Three-Two in use”.
Nun war guter Rat teuer, eine Abstimmung auf der eingestellten Flugplatzfrequenz kam nicht in Frage und spontan nutzten drei Piloten drei Anflugverfahren: einer flog in die Platzrunde zur Landung, einer flog auf den vorgegebenen Platzrunden zurück zum ersten Pflichtmeldepunkt und kam über den zweiten Pflichtmeldepunkt zum Platz und der dritte drehte vor der Landung einen Vollkreis nach rechts, um wieder Blickkontakt zur Gruppe zu bekommen.
Das hat dem Flugleiter am wenigsten gefallen – in einem, sagen wir “halbfreundlichen” Empfang wurden harte Konsequenzen angedroht, weil der Pilot angeblich dem Sperrgebiet über dem Präsidentenpalast zu nahe gekommen sein soll.
Einige Zeit später beruhigte sich die Lage wieder, vor allem, weil der Pilot als Formationsteilnehmer weisungsgemäß ohne Transponder geflogen ist und somit wohl für den übergeordneten Controller nicht sichtbar war.
Nach der Landung in Riga-Spilve konnten wir die Schwimmwesten wieder verstauen, für den Rest der Reise wurden sie nicht mehr gebraucht.
Der Abflug am nächsten Tag ging wesentlicher leichter von statten. Zum einen kannten wir mittlerweile alle kritischen Punkte, zum anderen hat uns ein Amerikaner, der am Platz Rundflüge und vermutlich Ausbildung anbietet, das Abflugverfahren in typisch-amerikanischer take-it-easy-Manier erklärt.

Die lettische Hauptstadt Riga sieht noch sehr russisch oder sowjetisch aus. Im Vergleich zu den Außenbezirken war die Innenstadt schön und wirklich sehenswert. In der Nähe unseres Hotels – direkt in der Stadtmitte – lockten mehrere Markthallen mit einem interessanten und reichhaltigen Angebot. Gut sortierte Geschäfte und Stände waren genauso zu finden, wie das Mütterchen mit ein, zwei Holundereimern auf dem Klapptisch. Am Eingang zum Markt haben wir Kvass getrunken, ein dunkles Getränk aus vergorenem Brot.

Im Hotel gab es diesmal leider kein “Upgrade”, aber dafür eine ungewöhnliche Wartezeit am Empfang. Die Empfangsdame konnte uns erst aufnehmen, nachdem ihr Nagellack fertig aufgemalt und getrocknet war. Die Zimmer waren sehr einfach, aber ausreichend. Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gab, war es der sehr enge Einstieg in die Dusche, durch den selbst Menschen mit Durchschnittsumfang nur mit viel Mühe passen.

Litauen

Von Riga aus führte unser Kurs zur litauischen Hauptstadt Vilnius. Als Zielflugplatz haben wir Kyviškės (EYVK) ausgewählt. Der Flug dorthin war unspektakulär. Spannend wurde es erst kurz vor Erreichen des Platzes, wo wir in Warteschleifen geschickt wurden, weil Fallschirmspringer in der Luft waren. Als Absetzmaschinen waren drei sehr gut gepflegte Antonov AN-2 Doppeldecker im Einsatz.

Über die 540 m lange Beton-Piste gibt es nichts Besonderes zu sagen, aber die Rollwege waren außergewöhnlich sehenswert. Sie sind nur unwesentlich breiter als die Fahrwerke.

Der Empfang war sehr freundlich. Der Clubheim-Betreiber half uns bei den ersten Schritten, zeigte uns die Parkplätze und kündigte an, dass uns vermutlich keine Kosten für Landung und Abstellen entstehen würden.

Am Platz war viel Publikumsverkehr, viele wollten Tandemsprünge erleben, und einige Brautpaare wollten die Flugzeuge als Hintergrund für ihre Hochzeitsbilder haben.

Die Flugleiterin, eine Studentin der Akademie der Luftfahrt, die den Flugplatz betreibt, wollte tatsächlich keine Landegebühren erheben. Später stellte sich leider heraus, dass der Clubheim-Betreiber die Prinzipien der Marktwirtschaft verinnerlicht hatte.
Unser erster Kaffee, serviert von seinen Kindern, kostete nach kurzer Rücksprache mit dem Vater einen Euro statt 75 Cent, ein paar Stunden später war der Preis auf zwei Euro gestiegen. Später waren aus den kostenlosen Stellplätzen doch noch gebührenpflichtige geworden (10 Euro pro Maschine).
Dennoch waren wir für seine Unterstützung dankbar, schließlich hat er für uns die leeren, am Flugplatz verfügbaren Kanister eingesammelt und Super-Plus von einer rund 10 km entfernten Tankstelle besorgt.
Das Clubheim selbst war sehenswert, ein langes Sideboard bestand aus einer Tragfläche, ein großes Regal war aus den Rippen einer Fläche gebastelt.

Für die Taxifahrt zur Stadt lohnt es sich einen Festpreis zu vereinbaren und dabei zu handeln. Aus dem ersten Preisvorschlag von 40 Euro wurde ein Festpreis von 20 Euro.

Vilnius ist sehr schön und war von unserem Hotel aus gut zu Fuß zu erkunden. Das Hotel, von einer litauischen Basketball-Legende gesponsert, ist sehr modern eingerichtet. Allein die Sport-Bar ist mit rund 20 Fernsehern ausgestattet und in mehreren Vitrinen sind die Medaillen und Pokale erfolgreicher litauischer Sportler ausgestellt.
Vom Burgberg, zu dem auch ein Schrägaufzug führt, hat man einen tollen Überblick über die Stadt. In der sehenswerten Altstadt gibt es ein “Italiener-Viertel” inklusive wirklich sehr guter Eisdielen. Auch in Litauen gibt es ein Rabattsystem für Eis, das zu größeren Portionen “verführt”.
Die Stadt war sehr belebt, nicht zuletzt, weil an diesem Abend ein Damen-Marathon von und zum Marktplatz führte. Ein paar Straßen abseits des Trubels haben wir ein schönes Lokal mit landestypischem Essen und gutem Bier gefunden.

Nicht nur das Thema “Hotel-Upgrade” zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, auch die Erfahrungen mit den Taxifahrern blieben bis zum Schluss spannend. Nachdem wir gelernt hatten, wie wichtig Verhandlungen über Festpreise sein können, haben wir das auch für die Rückfahrt zum Flugplatz versucht. Ein Festpreis unter 35 Euro war aber nicht zu bekommen, so mussten wir wohl oder übel das Taxameter akzeptieren. Der polnisch-sprechende Fahrer war mindestens genauso erstaunt wie wir, als am Ende lediglich 19 Euro auf der Uhr standen.

Nach unseren Plänen sollte die Abflugroute aus Kyviškės über die Hauptstadt Vilnius führen. Das schien zunächst auch kein Problem zu sein. Der Controller in Vilnius schickte uns kurz vor dem Eintritt in die Kontrollzone in eine Warteschleife, wo wir noch einige Starts und Landungen abzuwarten hatten.
Als es dann ruhiger wurde, kam die Nachricht, dass unser Flugplan nicht zu finden sei – und damit verbunden, eine Anweisung, die Kontrollzone zu umfliegen.

Polen

Abschnittsziel war diesmal Giżycko-Mazuri (EPGM), ein 700 m-Grasplatz in der Masurischen Seenplatte. Im Endanflug über dem See kann man schon die ersten neuen Häuser eines entstehenden Fliegerdorfes (Mazury-Residence) sehen. Der Platz liegt direkt am See und nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt.
Mangels bekannter Platzfrequenz sollte der Anflug durch FIS unterstützt werden, nach unser Meldung “Platz in Sicht” und Schließung des Flugplanes war von FIS nichts mehr zu hören und wir kommunizierten bis zum Aufsetzen untereinander auf “unserer” Bord-Bord-Frequenz. Nach der Landung erfuhren wir dann, dass unsere Bord-Bord-Frequenz zufällig auch als Platzfrequenz genutzt wird und so unser Kommen frühzeitig bekannt war.
Hatte in den bisherigen Ländern Werner die Funkkommunikation der Formation geführt, so konnten wir ab jetzt in Landessprache mit FIS und den Flugplätzen kommunizieren; Lutz spricht perfekt polnisch und übernahm ab nun den Funk.

Vorsicht beim Abstellen am abschüssigen Pistenrand: Lutz hatte plötzlich eine CT, die wie ein Spornradflieger da stand. (Foto)

In Giżycko haben wir wieder einen Erholungs- und Erlebnistag eingelegt. Schwimmen und Bootfahren standen genauso auf dem Programm wie eine Segway-Tour oder die Besichtigung der Festung Lötzen (wie Giżycko früher einmal geheißen hat).

Von Giżycko ging es mit einem relativ kurzen Hop weiter nach Elbląg (EPEL). Die Route führte über zwei weitere, sehenswerte Flugplätze, Ketrzyn (EPKE) und Kikity (EPKI). Jan hat die Plätze fotografisch dokumentiert, damit wir sie noch einmal in Ruhe sehen können.

In Elbląg wurden wir einmal mehr vom örtlichen Fliegerclub vorbildlich versorgt. Das ging vom Bereitstellen von Hangarplätzen wegen des zu erwartenden Regens, bis hin zum Sprittransport mit einem großen Fass aus der nahegelegenen Tankstelle.
Lutz, der in Polen scheinbar an jedem Platz Freunde oder mindestens Bekannte hat, fand auch hier jemanden, der als unser persönlicher Taxifahrer fungierte und uns zum Oberlandkanal und zurück brachte. Vermeintlich ortskundig wählte er eine holprige Abkürzung, aus der nur das Navi und die Befragung von Einheimischen zurück auf den richtigen Weg führten. Wie so oft galt “Ende gut, alles gut”, schließlich haben wir unser Schiff noch rechtzeitig erreicht.
Die Schiffe am Oberlandkanal werden mit Hilfe von Seilzügen über schräge Ebenen/kleine Berge gezogen. Diese wohl einzigartige Konstruktion ist erlebenswert. Der gelegentlich geräuschvolle Bodenkontakt der Schiffe wegen des niedrigen Wasserstandes gab einen zusätzlichen, schaurigen Reiz. Insgesamt ein sehr interessantes und frisch renoviertes technisches Denkmal.
Mitten in der komplett neu aufgebauten Altstadt von Elbląg (früher: Elbing) fanden wir ein gutes und preiswertes Lokal mit landestypischen Speisen. Dazu zählt eine rote Suppe, die trotz des exotischen Aussehens sehr gut schmeckt und eine Haxe, die auch als Eisbein hätte durchgehen können.

Für den zweiten Tag in Elbląg war der Durchzug einer Regenfront angekündigt, die dann auch kam und die einzigen beiden Regenstunden der gesamten Tour brachten.

Der Tag war für die Besichtigung von Danzig vorgesehen, die wir fast trockenen Fußes hinter uns brachten. Nach einer sehr preiswerten Anreise mit dem Express-Bus von Elblag nach Danzig haben wir die wirklich prachtvolle und hervorragend wieder aufgebaute Stadt zu Fuß erkundet. Große und schöne Kirchen, reich verzierte Häuser, viele zu Fußgängerzonen gemachten Straßen und Plätze, Denkmal an Denkmal – buchstäblich an jeder Ecke gibt es in Danzig etwas zu sehen. Das bisschen Regen haben wir in einem Café ausgesessen.

Deutschland

Wie auf dieser Tour eher selten, bestimmte dann doch noch die Wettervorhersage die nächsten beiden Streckenabschnitte. In einem Zug flogen wir zunächst rund 400 km von Elblag nach Strausberg (EDAY). Der Platz mit seiner 1200 m langen Betonbahn ist gut anzufliegen und liegt inmitten einer Ausflugsregion. Auch ein Berlin-Besuch (ca. 60 Minuten mit der S-Bahn) ist von hier aus gut zu machen.

Wir haben den Zwischenstopp für eine ausgiebige Pause im Restaurant “Doppeldecker” in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes genutzt, um für den Weiterflug zu den jeweiligen Heimatflugplätzen wieder fit zu werden.

Jan hatte noch ein besonderes Schmankerl für uns parat. Er wollte uns Berlin aus der Luft zeigen und so sind wir – aufgereiht wie an der Perlenschnur – durch die Kontrollzone (von E1 über E2, B, W2 nach W1) quer über Berlin geflogen und haben die Sehenswürdigkeiten Berlins, darunter den alten Flughafen Tempelhof, unter uns bewundern können.

Eine sehr schöne und sehr erlebnisreiche Reise ging so nach dreizehn Tagen zu Ende, keinen Tag zu früh, denn schon am nächsten Morgen wäre der Rückflug im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen.

Wir haben auf allen Abschnitten und in allen Ländern nur nette Menschen kennen gelernt, sind überall freundlich aufgenommen und nach besten Kräften unterstützt worden.

Zum Abschluss noch ein paar Tipps in der Übersicht:

Kontakte
es “lohnt” sich immer (nicht nur finanziell), Kontakt mit den örtlichen Vereinen aufzunehmen

angeflogene Plätze

angeflogen

Unterkunft
Kurzfristiges online-Buchen (oft noch nach der Landung am Zielort) hat sich bewährt. Wir wurden immer fündig und die Preise waren immer viel günstiger als bei längerfristiger Vorausbuchung und – besonders wichtig – wir waren flexibler, “mussten” nicht an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort sein.

Karten
in Papierform waren im Fachhandel nicht für jedes Land und nicht in jedem Format verfügbar. Einige Länder stellen allerdings ihre AIP, manchmal inklusive Karten, online zur Verfügung. Die Bereitstellung elektronischer Karten innerhalb verschiedener Navigationssysteme ist weniger problematisch.

Genehmigungen
Für Dänemark, Schweden, Finnland, Estland, Lettland und Litauen haben wir Einfluggenehmigungen beantragt und problemlos und unbürokratisch bekommen.

Flugpläne
werden von allen Fluginformationsdiensten empfohlen. Wir haben Flugpläne für alle grenzüberschreitenden Flüge und für fast alle inländischen Flüge (Ausnahme: Polen) benutzt.

Ausrüstung
Neben dem für längere Touren unverzichtbaren Befestigungsmaterial waren für diese Tour Schwimmwesten selbstverständlich. Darüberhinaus empfiehlt es sich, einen Erste-Hilfe-Kasten dabei zu haben.